Begegnungen - Heimliche und Unheimliche - Anthologie der Autorengemeinschaft des Arrival Verlages

"Wolken über Wounded Knee" (Leseprobe)

Little Pearl sah den Priester an, als ob sie die Ohnmacht des fremden Mannes spürte. Sie lächelte ihn an, - dann fiel sie vorne über und blieb regungslos über ihrem toten Kind liegen. Bishop sprang entsetzt zurück. Ein Horrorszenario jagte das Nächste. Der Rücken, oder dort wo der Rücken der Frau hätte sein sollen, war nur noch ein Wirrwarr aus blutdurchtränktem Stoff- und Hautfetzen. Wie hinter einer Wand aus Wasser sah der Mann Gottes die tiefen Einschnitte und Hiebe eines Armeesäbels auf dem Rücken der Frau. Vor seinem geistigen Auge wurde der Hergang der Tat noch einmal zu neuem Leben erweckt und begann mit all seiner Grausamkeit an ihm vorbeizurauschen. Gnadenlos hatte ein junger Offizier auf sie eingehackt, als sie mit nichts weiter als ihrem Körper versucht hatte, ihr schwer verwundetes Kind vor weiteren Verletzungen zu schützen.
Sonderbar, Bishop wunderte sich über sich selbst, aber er fühlte sich, nun da der Leidensweg der jungen Lakota beendet war, irgendwie erleichtert. Er taumelte fast schon geistesabwesend in Richtung des Ausganges weiter durch die Kapelle und den darin immer leiser werdenden und nach Wasser bettelnden Menschen. Helfend reichte er schon mehr mechanisch einem nach dem anderen die metallische, halb verrostete Suppenkelle, mit dem gewünschten Wasser.
Ein kleines Mädchen, neben ihrer geistesabwesenden Großmutter und am Boden liegenden toten Mutter sitzend, sah mit verweinten Augen zu ihm auf. Sofort beugte er sich zu ihr und ihrer Großmutter herunter und begann mit beruhigenden Worten, wenn es diese überhaupt in einer solchen Situation geben konnte, auf beide einzureden. Beschützend schloss die alte Frau augenblicklich ihre Enkelin in die Arme, was Bishop aus seiner Starre erwachen ließ. „Wasser?" fragte er vorsichtig, als er nun etwas näher an das Mädchen und seine Großmutter herantrat, fast schon ein wenig ängstlich, als ob sie ihn anschreien könnten, wenn er sie zu laut ansprechen würde. Die Kleine nickte als Erste und streckte dem Priester flehend ihre dünnen verhungerten Ärmchen entgegen.
Er konnte nicht anders, aber als sie gierig nach der Kelle grabschte, musste er es einfach tun und ihr behutsam über das schwarzblaue seidenweiche Haar streicheln. Sie begann leise zu weinen. Sofort trat er wieder etwas zurück, denn er wollte ihr doch nicht zu nahe kommen und sie auf keinen Fall noch weiter verängstigen.
Sein Herz schnürte sich ihm plötzlich ruckartig zusammen und verkrampfte sich, als er den wahren Grund bemerkte, weshalb die Kleine weinte. Ein rötlich wässriges Rinnsal trat aus einer vorher kaum wahrnehmbaren Wunde am Hals des kleinen Mädchens aus.
Entsetzt griff sich Bishop an sein an einer dünnen goldenen Kette befestigtes Kruzifix, welches er bis zum heutigen Tage immer so voller Stolz getragen hatte. Sein Griff schnürte sich immer fester und fester um das Kreuz zusammen, bis sich der Schmerz, als sich die scharfkantigen Ecken des Kruzifixes in seine Handfläche bohrten, in sein Bewusstsein schlich.
Er musste raus, raus an die Luft und sei es auch nur für einen Augenblick, bevor er wieder in die kleine Kapelle zurück konnte.
 
 
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